A picture of REINSWOOD
(1) Ich bin Pendler zwischen REINSWOOD und Wien. Die Strecke fahre ich blind,
kenne ich doch mittlerweile jede Biegung, Steigung, Baustelle. Kurz nach St.
Pölten grüßen mich im Haindorf-valley zwei gigantische Windmühlen,
dann der kurzzeitig dreispurige speed-freeway, der mich zur Abfahrt Ybbs rasen
lässt. Vorbei an der Cowboy-Diner-Ranch B25 durch den kleinen,
ansteigenden Ort mit den regelmäßig wechselnden stripshow-billboards
mitten ins beer-capital Wieselburg, hin zur neongrünen gas station vor
Scheibbs, die sich des nachts majestätisch aus der Ebene erhebt, noch
eine Abbiegung nach rechts, raufrunter und links, endlich bin ich da.
(2) Ich sehe den Tag noch genau vor mir: Angeregt durch die Postkarte eines
Freundes fahre ich in die niederösterreichische Wüste, um jenen
famo(u)sen 900-Seelen Ort zu erkunden, der sich der kulturellen Vorherrschaft
rühmt, dessen vielffältige acts regelmäßig Scharen von
Besuchern anziehen, dessen Bevölkerung sich als actors, directors, writers,
producers oder technicians verdingen sie und der gesamte Schweif an
Zulieferern und Dienstleistern sind an der industry beschäftigt
und erst die vielen extras, die sich wie Mücken um das grelle Licht der
Stars drängen! Derart beeindruckt stiehlt sich mein Blick hinein ins
Tal, das den Ort geschickt versteckt hält. Einzig der kollosale Schriftzug,
der seinen Namen trägt, strahlt vom Burghügel in die Ferne. Wie
Gulliver stapfe ich durch downtown, ich als Fremder inmitten eines winzigen
Modells. Hier sind sie yeah! die schrägen Vögel, die
coolen freaks, scheinbar alltäglich, völlig normal. Schnell mache
ich noch ein Photo, um einen Hauch ihres glamours zu erhaschen, jetzt weiß
ich, wo ich mein Glück versuchen will.
Oliver Hangl, Wien/REINSWOOD, 26.10.2001